Wohnsiedlung Kanalstrasse, Bürglen

Studienauftrag 2016

Der Ort des Areals wird geprägt durch die idyllische Flusslandschaft der Thurebene und die industrielle Vergangenheit des 19. Jahrhunderts mit den baulichen Zeugen des Fabrikkanals, den Fabrikbauten der ehemaligen Kammgarnspinnerei und den beiden verbliebenen Kost- und Vorarbeiterhäusern. Fragmentarische Streubauten gesellten sich in den 1980er-Jahren hinzu. Gerade weil das Areal vom eigentlichen Siedlungsraum von Bürglen abgekoppelt ist, kann es als «Insel» gelesen werden. Die spezifischen landschaftlichen und kulturgeschichtlichen Qualitäten des Ortes sollen als wichtige konstituierende Bestandteile des Projekts verstanden werden und bilden den Rahmen und ideellen Hintergrund für den gewählten Projektansatz und die vorgeschlagene Baustruktur.

Die vorgeschlagenen zeilenartigen, auf einer Art Flosse angeordneten Gebäudekörper mit orthogonaler, leicht gespreizter Ausrichtung zum Landschaftsraum und zum Fabrikkanal ermöglichen über die Zwischenräume permanente Blickbeziehungen zu deren Qualitäten und formulieren über diese Referenz eine erste räumliche Identität für die Anlage. Die alternierende Abfolge von zwei unterschiedlich ausgestalteten Zwischenbereichen – Hofgassen auf der einen sowie grüne Landschaftsfinger auf der anderen Seite der Bauzeilen – ermöglicht auf einfache Weise eine räumliche Verzahnung mit der Weite des Landschaftsraums wie auch mit dem nördlich anstossenden Fabrikkanal und der ihn begleitenden Kanalstrasse. Während die grünen Landschaftsfinger eine lockere Baumpflanzung (Ulmen oder Ahorne) sowie andere landschaftliche Elemente wie Wiesenmulden zur Regenwasserretention und -versickerung aufweisen und kontinuierlich in den Landschaftsraum übergehen, werden die Zwischenräume des an die Kanalstrasse angedockten «Flossdecks» als halböffentliche Aufenthalts-, Spiel- und Begegnungsräume der daran partizipierenden Wohnbauten genutzt.

Anstatt über den idealen Wohnungsmix und die zukünftig «richtigen» Wohnungsgrössen zu spekulieren, wird auf diese Fragestellung mit einer robusten architektonisch-typologischen Struktur geantwortet, die der Bebauung einen prägnanten Charakter verleiht. Diese Konzeption, die eine grosse Nutzungsvariabilität zulässt, fand oft auch bei den Fabrikbauten aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Anwendung, deren Bauzeugen auch heute noch gesuchte Objekte für Nutzungen unterschiedlichster Art darstellen.
Es wird vorgeschlagen, zur Begrenzung der Bauten drei den Gassenraum begleitende Raumschichten auszubilden, die durch vier tragende Mauern definiert werden. Die erste Schicht bildet die Übergangsschicht vom halböffentlichen zum privaten Bereich und wird auch als Erschliessungs- und Terrassenbereich oder bei den Reihenhäusern als Vorhof genutzt. Die zweite und dritte Schicht können beliebig bespielt werden: von der grossräumigen Loft mit Ateliercharakter bis zur vielfältigen Mehrgenerationenwohnung oder einfachen Kleinwohnung. Der Idee der Nutzungsflexibilität entsprechend wird vorgeschlagen, die raumbegrenzenden Querwände in nicht tragenden Leichtbauwänden auszubilden.
Um ein hohes Mass an Gestaltung und Silhouette zu erreichen, werden die Wohnbauten gezielt in der Höhe gestuft und je nach Nutzung zwei- oder dreigeschossig ausgebildet. Die Gebäude, die an die Fabrikstrasse angrenzen, sind zonengemäss dreigeschossig geplant. Die zusammengebauten Einfamilienhäuser sind zweigeschossig konzipiert; deren Anzahl und Standorte sollen nach dem effektiven Bedarf angeordnet werden können.

Die homogene Verwendung von gebrannten Mauerziegeln für die längs gerichteten Mauern prägt den architektonischen Ausdruck. Der traditionelle Baustoff verleiht der Bebauung eine einzigartige Identität und soll als Referenz an die Architektur der Industriebauten und der nahe gelegenen Ziegelei Istighofen verstanden werden. Die tragenden Mauern werden dort, wo es gewünscht ist, ausgespart und im Bereich der Vorzonen der Einfamilienhäuser und der Treppen der Mehrfamilienhäuser als lichtdurchlässiges Gittermauerwerk ausgestaltet.
Die Mauern in Sichtmauerwerk tragen die Pfetten des flach geneigten Satteldaches und die Metallkonstruktionen der Vordächer und der Pergolen der Vorzonen. Zusammen mit dem Geflecht der Metallkonstruktion der den Reihenhäusern vorgesetzten Gartenterrassen tragen diese Elemente zum lebendigen und unverwechselbaren Gesicht der Überbauung bei.